Wut  im Bauch

Kontaktaufnahme zu einem Sechsjährigen

 

In einer Kindergartengruppe werde ich auf einen 6jährigen Buben aufmerksam, der in einer Zimmerecke mit dem Rücken zur Wand hockt und sich gegen den Rest der Welt abgeschottet. Bisher erlebte ich ihn als aggressiv, rücksichtslos im Umgang mit Schwächeren. Nun hockt  dieses Kind in der Ecke, so weit als möglich vom Spielgeschehen der anderen Kinder entfernt.

Ich gehe auf ihn zu, hocke mich vor ihn und frage:

 

“Darf ich mich zu dir setzten?”

“Hmmm...”

“Heißt das ja oder nein?”

“Hmmm...”

 

Der Bub verschränkt die Arme vor der Brust.

 

“Vielleicht träumst du von einem großen bunten Vogel, der dich ganz weit weg trägt?”

Der Bub hebt kurz den Kopf, sieht mich an - aber nur kurz.

“Wieso ein bunter Vogel? Das ist doch Quatsch!”

“Wenn ich als Kind so in einer Ecke hockte, wie du gerade, dann wünschte ich mir einen großen bunten Vogel, auf dem ich ganz weit weg fliegen kann.”

 

“Das hast du gedacht in einer Ecke?”

“Ja.”

“Warum warst du in einer Ecke?” der Bub setzt sich aufrecht hin, nimmt die Arme neben die Beine.

“Oft zur Strafe, weil ich mich geprügelt hatte.”

“Das geht nicht!” der Bub sieht mich genauer an.

“Was geht nicht?”

“Na, das mit dem Prügeln, das geht nicht!” er spricht nun sehr energisch.

 

“Weshalb nicht? Ich habe mich als Kind oft geprügelt, wenn ich eine Wut hatte.”

“Aber du bist eine Frau, das geht nicht!”

“Ich war ein Mädchen und du bist ein Junge. Was hat das mit Prügeln zu tun?”

“Weil sich Mädchen eben nicht prügeln, nur wir!”

 

Nun saßen wir beide nebeneinander, den Rücken an die Wand gelehnt und die Beine am Boden ausgestreckt. Der Bub denkt nach, dann sagt er:

“Und du hattest eine richtige Wut im Bauch?”

“Öfter, als es gut war!”

“Hast du denn gewonnen?”

“Ja, wenn ich richtig wütend war, schon.”

“Hmmm...”

 

Der Bub wackelt mit den Füßen, zieht die Beine an.

“Gegen mich hättest du aber nicht gewonnen.”

“Woher willst du das wissen? Ich bin stark.”

 

“Und dein Papa, hat er dich auch verhauen?”

“Ja, oft!”

“Hat’s dir auch weh getan?”

“Ja, aber ich habe nicht geheult..”

“Ich heule auch nicht, nur manchmal:”

“Aber ich fand es schwer, nicht zu heulen, weil mir ja alles weh tat.”

“Genau! Prügelst du dich heute auch noch?”

“Nein, heute rede ich mit den anderen und heute haut mich auch niemand mehr.”

“Ist das immer so?”

“Nein, nicht immer, aber wenn du es willst, ich meine weniger prügeln, dann probiere es doch einfach. Hole tief Luft und geh weg!”

 

Der Bub wackelt mit den Füßen, springt auf und ruft:

“Du warst  ja ein komisches Mädchen!”

 

 

in: Melitta Walter, Qualität für Kinder. Lebenswelten von Mädchen und Buben in städt. Kindertagesstätten. Pädagogisches Rahmenkonzept der geschlechterdifferenzierenden Pädagogik zur Weiterentwicklung der Kindergarten-, Hort- und Tagesheimpädagogik. Erfahrungen – Theorie – Praxis – Ausblicke. S. 39, München, 2. Aufl. 2000;