Von Prof. Dr. Heiner Keupp:

 

 

Kommission zur Weiterentwicklung der Gewalt- und Suchtprävention in München hat ihre Arbeit aufgenommen!

Die mörderische Gewalteskalation in einer Berufsschule in Freising und jetzt in einem Gymnasium in Erfurt hat uns aufgeschreckt und unsere Ahnungen, dass es auch in deutschen Schulen zu einer Gewalteskalation dieser Art kommen könnte, mehr als bestätigt. Es gab ja Hinweise dafür in genügender Anzahl - auch in München: die Berichte von LehrerInnen und SchülerInnen über eine militantere Gangart, in der Konflikte ausgetragen werden; über das wachsende Waffenarsenal von Jugendlichen, das ein erhöhtes Schutzbedürfnis ausdrückt; über die Zunahme sexualisierter Gewalt und Gewalt gegen Behinderte und MigrantInnen. Wie wir aus einer Studie des Kriminologischen Instituts wissen, ist auch für viele Jugendliche in München die Erfahrung mit Gewalt im familiären, schulischen und Freizeitbereich Realität. Immerhin 20% der Münchner Jugendlichen sind schon einmal Opfer von Gewalt geworden. Der Stadtrat der Landeshauptstadt hat vor diesem Hintergrund das Schulreferat beauftragt, die Anstrengungen zur Entwicklung nachhaltig wirksamer Strategien zum Abbau von Gewaltpotentialen zu intensivieren. Zu diesen Anstrengungen gehört das Gesamtprojekt "Gewalt- und Suchtprävention für Kinder und Jugendliche in Kindertageseinrichtungen, Schulen und im Sport", das Informationen zur Gewaltprävention erheben soll, die Bündelung schon vorhandener Aktivitäten und die Initiierung neuer Projekte als Ziele hat. Hinzugekommen ist eine ExpertInnenkommission, deren Vorsitz Prof. Dr. Heiner Keupp vom Psychologischen Institut der LMU München übernommen hat. Sie arbeitet seit Dezember des letzten Jahres und verschafft sich gegenwärtig einen Überblick über die vielfältigen Projekte und Initiativen, die es in München gibt. Es ist eine eindrucksvolle Vielzahl von Kampagnen und Projekten, die sich hier zeigt.

Trotzdem besteht kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Auch wenn die Daten zum Gewaltpotential in München etwas besser aussehen als in anderen westdeutschen Großstädten, müssen wir auch in München unsere Anstrengungen erhöhen, um der Gewaltspirale entgegenzuwirken. Damit dürfen die Schulen auch nicht alleine gelassen werden, denn sie sind nicht der primäre Ort der Gewaltentstehung, aber sie tragen auch ihren Anteil dazu bei, dass sich Gewalt dort äußert. Wir müssen die Botschaft der PISA-Studie ernst nehmen, die ja danach gefragt hatte, welche "Basiskompetenzen" Heranwachsende brauchen, "die in modernen Gesellschaften für eine befriedigende Lebensführung in persönlicher und wirtschaftlicher Hinsicht sowie für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben notwendig sind". Gewalt ist auch ein Ausdruck davon, dass diese Basiskompetenzen nicht genügend vermittelt werden. Deshalb müssen alle Überlegungen zu einer nachhaltig wirksamen Gewaltprävention von der Frage geleitet sein, wie wir Prozesse des Lernens und der Lebensbewältigung so organisieren können, dass sich Menschen mit den komplexen Chancen und Risiken in dieser globalisierten Welt besser auseinandersetzen können, dass Chancen einzelner nicht auf Kosten anderer genutzt werden dürfen, dass sich SchülerInnen und LehrerInnen wechselseitig mit mehr Respekt begegnen können, weil ihnen bewusst ist, dass sie auf gleiche Ziele hinarbeiten.

Letztlich wird wohl Gewaltprävention nur wirksam sein können, wenn sich die gesamte Stadtgesellschaft daran beteiligt, zivilgesellschaftliches Handeln zu fördern und diesen Prozess auch und gerade in den Schulen zu verorten. Unsere Kommission braucht Anregungen und Impulse aus den zivilgesellschaftlichen Erfahrungsfeldern dieser Stadt.

 

Prof. Dr. Heiner Keupp

 

 

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